Zu Gast

Kulinarische Interventionen zu Syrien

Granatäpfel

Flüchtlingswelle, Flüchtlingsdrama, Flüchtlingskatastrophe, Willkommenskultur, Bootskatastrophe, Einwanderungsgesetz, Aufnahmestopp, Fachkräftemangel, Flüchtlingsgipfel, verlorene Generation, humanitäre Katastrophe, IS-Terror, Abschiebung, Notwehrmaßnahmen, Transitzone, Wirtschaftsflüchtlinge, Kapazitätsgrenze, Überforderung –

Um Unmenschliches zu beschreiben haben sich Sprachbilder von Naturgewalten, gemischt mit Anleihen aus der Theater- und Politterminologie, durchgesetzt. Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, ist keine Naturkatastrophe. Sie geschieht, weil sich ein Mensch dafür entscheidet. Mögen die Motive, Gründe und Bedingungen auch vielfältig sein. Was auf der Welt geschieht, passiert nicht auf einer Bühne. Der Hass und die Gier und die Morde und die Toten sind echt.

Mit stereotypen Worten und Bildern ist das, was in Syrien – den Menschen in und aus Syrien – passiert, weder zu beschreiben noch zu verstehen, aber vielleicht besser zu ertragen. Stereotype sind Ausdruck unserer Hilflosigkeit: Das Geschehen und die Auswirkungen sind komplex und schwer zu durchdringen. Zumal das Tempo, in dem sich die Bedingungen vor Ort und inzwischen auch in Europa ändern, enorm hoch ist. Dazu kommt die Konkurrenz ganz anderer Nachrichten.

Stereotype sollen dazu dienen, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen, um diese einfacher erklären zu können. Dabei bewirken sie das Gegenteil. Sie vernebeln Zusammenhänge und sagen nichts über Hintergründe aus. Sie machen träge. Die sich ähnelnden Bildmotive und Schlagzeilen wirken wie eine Wiederholung des scheinbar immer Gleichen. So lassen sich die einzelnen Ereignisse kaum noch unterscheiden. Auch rein rhetorisch ist Syrien schon fast verschwunden. Zwar ist mit dem täglich wachsenden Druck von außen das Spektrum der Berichterstattung größer geworden. Wir drehen uns weiterhin aber vor allem um uns selbst. Gleichzeitig wächst auch der Vorrat an neuen Vokabeln, die ihrerseits in die Endlosschleife der Wiederholungen eingeschleust werden.

Stereotype sorgen für Distanz: zu dem Land, den Menschen, zu dem einzelnen Menschen. Sie nisten sich ein in die Erklärmuster der Reden von Politikerinnen und Politikern, von Redaktionen in Zeitungen, im Fernsehen, im Radio. Ebenso wie in die Handlungsmuster, auch von uns selbst. Stereotype verstärken den Eindruck, die Dinge ließen sich regeln und verwalten. So wie wir es gewohnt sind. Wie immer.

Sich ein eigenes Bild machen

Die alten Schwarz-Weiß-Erklärungsmuster des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die vielfach heute immer noch für alles herhalten sollen, taugen für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft wenig. Weil die Systeme kollabieren. Weil die Kontrolle versagt. Da ist Phantasie gefragt. Und kreativer Pragmatismus.

menue kontrovers ist ein Experiment. Eine Suche nach anderen Bildern. Um mir ein eigenes Bild zu machen, begann ich im November 2014 Gespräche mit Menschen aus Syrien zu führen. Manche sind vor dem Krieg hierher geflohen, manche leben schon viele Jahre hier und sind aus anderen Gründen nach Deutschland gekommen. Ich erkunde ihre Bilder von Syrien und von Deutschland, ihren Alltag dort und hier – vor dem Krieg und seit Kriegsbeginn, frage nach ihren Erwartungen an Deutschland und schließlich auch, welche Rolle das Essen, die heimische Küche für die eigene Identität und Verankerung in dem Land spielt, das es so wie sie es gekannt haben sehr wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Lassen sich Erinnerungen, Vergangenheit und Sehnsucht auch kulinarisch beschreiben? Die Essenz aus einem Teil dieser Gespräche inszeniere ich im Kunstraum B, zu sehen ab 11. November.

Mit kulinarischen Interventionen an verschiedenen Orten der Stadt entstehen zusätzlich Räume, in denen die Gäste ihre eigenen Bilder und Worte finden können. Möglich machen dies fünf Kieler Restaurants und ein Restaurant in Rieseby, die an verschiedenen Abenden im Ausstellungszeitraum auch syrische Gerichte auf ihrer Speisekarte haben: Zwischen dem 16.11. und 04.12. ist menue kontrovers zu Gast im „Ruffini“, „James & the cook“, „Kitty Rock Bellyful“, „Lammers“, im „brunswik“ und, über die Stadtgrenzen hinaus, im „Riesby Krog“ in Rieseby. Dafür schon jetzt tausend Dank an alle Mitwirkenden! –> mehr dazu unter blind dates

Kunstraum B Wilhelminenstr. 35, 24103 Kiel
12.11. bis 06.12.2015
Donnerstag bis Samstag 15 – 18h

Vernissage 11.11.2015 18h
Zur Finissage am 05.12.15 erwartet die Besucher Kulinarisches aus der syrischen Küche des „Saliba“ in Hamburg.